Mathematik und Gesellschaft

Albrecht Beutelspacher | 29. November 2007

Ich glaube, wir Mathematiker haben Vorurteile gegenüber der Gesellschaft. Natürlich kennt jeder Mathematiker einen Landrat, einen Oberbürgermeister, einen Minister, der bei passender Gelegenheit bekennt “in Mathe war ich immer schlecht” und dafür auch noch Beifall bekommt. Selbstverständlich kennt jeder Mathematiker die Situation, dass er bei der Darstellung dessen, was ihn tagtäglich beschäftigt, bei seinen Zuhörern schnell an die Grenzen der Toleranz stößt. Kurz: Wir Mathematiker glauben, dass uns niemand mag.

Meine Erfahrung der letzten Jahre sagt: Das stimmt so nicht. Im Gegenteil: Es gibt bei sehr vielen Menschen eine große Offenheit, ja geradezu ein Bedürfnis, etwas von den Geheimnissen der Mathematik zu erfahren. Journalisten sind geradezu scharf darauf. Es ist aber auch klar: Jemand, der Abitur macht, hat eine Vorstellung von Physik, von Germanistik, von Politikwissenschaft, ja sogar von Fächern wie Jura oder BWL, die gar kein Schulfach sind. Nur von Mathematik stellt sich kein Bild ein. Bestenfalls die Erkenntnis: Das kann doch nicht alles gewesen sein!

Einem fruchtbaren Dialog zwischen Mathematik und Gesellschaft steht nichts entgegen - außer liebgewordenen Vorurteilen. Mir fallen drei Punkte ein, die bei einem solchen Dialog von Seiten der Mathematiker zu bedenken sind.

1. Der Anfang. Wir müssen die Menschen auf Gebieten “abholen”, auf denen sie sich zu Hause fühlen. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Kunst. Oder über Denksportaufgaben, z.B. Sudokus. Oder durch Kulturgeschichte. Oder durch Experimente. Oder durch die Anwendungen der Mathematik. Oder … Oder … Oder…

2. Das Ziel. Wir Mathematiker sollten uns keine Illusionen machen. Kaum einer will Mathematiker werden, und nur ganz wenige wollen Mathematik im Sinne von Definitinen und Beweisen machen. Ich bin aber überzeugt: Wenn sich die Menschen auch nur einen Schritt in die Mathematik begeben, ist das (für beide Seiten) ein beglückendes Erlebnis. Wenn jemand erfährt, dass man durch scharfes Nachdenken ein Problem lösen kann, dann hat sich sein Leben verändert.

3. Kurzfristig vs. langfristig. Wir dürfen keine kurzfristigen messbaren Erfolge erwarten. Wenn jemand einen Artikel über griechische Mathematik liest, kann der Erfolg nicht daran gemessen werden, ob der Leser oder die Leserin die formale Definition eines platonischen Körpers sagen kann. Ich bin davon überzeugt, dass es den Menschen nicht primär um “Lernen” geht, sondern darum eine gewisse Zeit Ihres Lebens (eine Stunde, ein halber Tag) mit Wissenschaft zu verbringen. Kann es etwas Hoffnungsvolleres geben?

2 Reaktionen zu “Mathematik und Gesellschaft”

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