Vor der ersten Stunde

Albrecht Beutelspacher | 28. September 2007

Oft werde ich gefragt: Sind Sie vor einem Vortrag noch aufgeregt?

Nein, aber vor der ersten Vorlesungsstunde!

Wie wird das gehen? Im Hörsaal sitzen etwa 100 knapp Zwanzigjährige mit großen Erwartungen. Zwanzigjährige! Weniger als halb so alt wie Du! Wird es möglich sein, eine gemeinsame Sprache zu finden? Wird es gelingen, sich gemeinsam auf die Mathematik zu konzentrieren? Werde ich Ihnen vermittlen können, dass alles ihrem zukünftugen Beruf dient?

Vermutlich waren alle in der Schule in Mathe gut, die meisten sehr gut. Aber hier kommen neue Herausforderungen auf sie zu. Sie werden längst nicht alles sofort verstehen - sie, die in der Schule kaum aufzupassen brauchten. Sie werden lange an ihren Aufgaben sitzen - sie, die in der Schule ihre Hausaufgaben mit links gemacht haben. Viele werden in den Klausuren verzweifelt nach einem Lösungsansatz suchen - sie, die immer locker eine Eins geschrieben haben.

Wirst Du es schaffen, ihnen Mut zu machen? Wird es Dir gelingen, den schmalen Grat zwischen Fordern und Überfordern zu treffen? Und vor alle: Wird es gelingen, ein Vertrauenverhältnis zwischen uns aufzubauen?

Die Psychologie ist auch kein Trost: Sie sagt, dass es auf den ersten Augenblick ankommt, wenn man großzügig ist, auf die ersten fünf Minuten.

Jetzt ist es 12:14. In einer Minute geht es los. Die Nervosität ist noch da, spielt aber jetzt keine Rolle mehr. Noch einmal durchatmen, nach vorne gehen, freundliches Gesicht machen und Luft holen: “Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich begrüße Sie …”

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